REZENSION 1 | DIE SCHERBEN SEINER SEELE BD. 2

BELOVED REVIEWS | LESERSTIMMEN | DIE SCHERBEN SEINER SEELE BD. 2

Chrisschwärmt(aus)
28. Januar 2021

»Nachdem der erste Band dieser Dilogie, „Der steinerne Garten“, welcher das brillante Debut des Autors Jayden V. Reeves ist, ein dramatisches Ende nahm, dem man als Leser fassungslos gegenüber stehen musste, ist man natürlich extrem gespannt, was einen in dieser Fortsetzung erwartet.
Im Debut durfte man die beiden faszinierenden jungen Männer Riley Buchanan und Nathanyel Pritchard, die unterschiedlicher nicht sein könnten und dennoch so viel gemeinsam haben, ein Stück ihres Lebens begleiten, ein Leben, das für beide bis dahin weniger Licht als Schatten geboten hat.

Dass einen auch in „Die Scherben seiner Seele“, dem zweiten Roman des Autors, keine leicht zu verdauende Kost erwartet, kann man schon an der Wahl des dunklen Covers erkennen, welches als Beginn der Erzählung betrachtet werden kann. Der Blick des jungen Mannes darauf – vorwurfsvoll und voller Verachtung. „Verräter“! Ein Abbild von Rileys schuldbeladener, geschundener Seele – ein bedrückendes Vermächtnis aus Band I.
„Wie fühlt man sich eigentlich so als Verräter?“
Was hier in Band II geschieht, raubt einem schier den Atem und ist kaum in Worte zu fassen. Die Handlung bewegt sich in einem Spektrum, welches von sehr weichen, hellen, bis zu den dunkelsten Grautönen reicht, die man beim Lesen mehr als deutlich wahrnimmt, was der perfekten Wortwahl, die den Erzählstil dieses Autors so eigen macht, zuzuschreiben ist.
Mit großer Befriedigung stellt man fest, dass auch dieser Band wieder aus Rileys Sicht erzählt wird, was einen klaren Blick auf seine verstörenden Gefühlsregungen zulässt.
Er zerrt einen in seiner Erzählung förmlich mit in einen berauschenden Sog aus scheinheiliger Normalität, tiefster menschlicher Abgründigkeit, brutalster Kriminalität und filigraner Intimität.
Konnte man in Band I noch häufig über Rileys Zwiegespräche lächeln, erkennt man hier schnell, dass er sich sehr verändert hat. Von der einstigen Naivität ist nichts mehr zu spüren.
Durch sein traumatisierendstes Erlebnis wurde er in weniger als einem Tag mit einer Beschleunigung von 0 auf 100 in ein anderes Ich katapultiert, in dem er seitdem selbstzerstörerisch und ohnmächtig durch ein Leben taumelt, welches von Schuldgefühlen, Selbsthass und Lethargie geprägt ist.
Es ist noch nicht lange her, dass sich Riley aus den Klauen der einen Sucht befreien konnte, um sich nun geradewegs in die nächste zu stürzen, einzig um seine Schuldgefühle zu betäuben und sich für seinen Verrat zu bestrafen.
Als Leser wird man Teilhaber an seiner Zwiespältigkeit und an den erbitterten Kämpfen die er mit sich austrägt. Seine innere Unruhe, sein sich im Kreis drehen, seine Zerrissenheit übertragen sich beim Lesen, und man verspürt das starke Bedürfnis, ihn sich zu packen und mit festem Griff zu halten, um ihn sanft aber unnachgiebig auf einen Weg zu leiten, auf dem ihm weder Abweichungen nach links oder rechts, noch ein paar Schritte zurück gestattet sind.
Dass es ihm tatsächlich aus eigener Kraft gelingt, einen solchen Weg zu finden und diesen langsam zu beschreiten, spürt man sehr intensiv, als ihn in einem bedeutsamen Moment die Emotionen überwältigen, und sein gut gehütetes Innerstes nach außen sprudelt.
Die dunklen Mauern bekommen Risse und beginnen zu bröckeln.
Riley entdeckt eine völlig neue, ihm aber höchst willkommene Seite an sich, die er unsicher und zaghaft zu erkunden beginnt, und mit deren Hilfe er sich, trotz eines um ihn herum tobenden Orkans dramatischer Ereignisse, bemüht, weitere schwerwiegende „Einschnitte“ behutsam abzuwenden. Er, der sich bis vor gar nicht langer Zeit am wenigsten vertraut hat und dessen Selbstzweifel immer mal wieder wie kleine Flämmchen auflodern, ist es nun, der eine Basis des Vertrauens und einer damit verbundenen Sicherheit schafft.
Sie ist die spürbarste Veränderung einer Reihe von Veränderungen, die von seiner, inzwischen sehr großen, Reife zeugt.
Er ist jetzt der ganz besondere, wichtige Punkt.
Zwar kein besonderer, dafür aber ein besonders wunder Punkt ist er hingegen nach wie vor im Leben diverser zwielichtiger Personen, die ihn aus seiner, nicht immer lupenreinen, Vergangenheit bis ins Jetzt verfolgen.
Zwischen der Vorbereitung und der Umsetzung eines Plans, der ihn in eine morbide Unterwelt und damit gleichzeitig in die dunkelsten Ecken seiner Erinnerungen führt, gibt Riley sich lange verleugneten Empfindungen hin und lernt diese mit allen Sinnen zu genießen.

In seinem Bestreben, sich vom Ballast seiner Vergangenheit zu befreien und das zu schützen, was ihm am wichtigsten geworden ist, erbringt er größte Opfer und blickt dabei dem leibhaftigen Bösen tief ins Auge. Als Geisel des Verbrechens sieht er bald, trotz seines immer wieder aufkeimenden irischen Temperaments, welches ihm bisher oftmals schlagkräftig zur Seite stand, resigniert seine Hoffnungen schwinden und gedemütigt seine endgültige Kapitulation unmittelbar bevorstehen.
Während man ihn völlig entsetzt seinen selbstlosen Kampf verlieren sieht, nimmt der Orkan der Ereignisse Höchstgeschwindigkeit auf, ebbt ganz langsam wieder ab, um schlussendlich in eine wohltuende Stille zu münden.

„Gut gemacht Riley Buchanan.“
Diese letzten Worte sind es, die Rileys Reifeprozess nochmals unterstreichen und ihn zudem vollends von seiner Schuld lossagen.
Der Schreibstil des Autors ist so unglaublich detailreich, dass man in etlichen Szenen das Gefühl hat, dass er sie im Zeitlupentempo geschehen lässt, ganz bewusst, um dem Leser die Möglichkeit zu geben, auch wirklich die komplette Kulisse zu erkennen und die kleinste Emotion wahrzunehmen, um die gewichtige Bedeutung der jeweiligen Szene zu verstehen. Durch diese Feinheiten entstehen beim Lesen klar konturierte Bilder. Sie geben einem das Gefühl, dass dieses Buch lebt.
Ebendiese Feinheiten sind es aber auch, die den Leser die körperlichen und psychischen Schmerzen, die Reeves seinen Charakteren beibringt, eindringlich spüren lassen.
Wie bereits in Band I, kratzt der Autor mit Hilfe seines unverkennbaren Schreibstils auch in Band II wieder massiv an der Psyche des Lesers.
Reeves Wortwahl ist der Handlung, aber ganz besonders Rileys Gemütszustand angepasst, so dass sich viele Sätze sehr melancholisch, und von einem Hauch der Trauer begleitet, lesen. Etliche Szenen erwecken dadurch den Schein einer falschen Friedlichkeit.
Beim Lesen dieses Romans trifft man, mehr oder weniger erfreut, auf viele „alte“ Bekannte aus Band I, die, genau wie in Band l, maßgeblich an der Handlung beteiligt sind. Einige von Ihnen stehen Riley in seiner Dunkelheit haltgebend zur Seite und zeigen dem Leser auf, welch große Bedeutung die Begriffe „Familie“ und „Freundschaft“ haben. Andere wiederum lassen nichts unversucht, Riley immer weiter in seine erdrückende Dunkelheit zu drängen.

Anders als in Band I ist aber, dass man hier das Gefühl hat, die Szenerie nicht „nur“ als Beobachter zu erleben, sondern als Riley selbst. Der noch ausgefeiltere Schreibstil des Autors lässt einen glauben, alles was hier geschieht mit Rileys Augen zu sehen. Dadurch bekommt man einerseits eine etwaige Ahnung davon, wie geschunden seine Seele tatsächlich ist, und wie schwer die Schuld ist, die auf ihm lastet und ihm, wie ein bleiernes Gewicht, fast die Luft zum Atmen nimmt, andererseits darf man so aber auch mit ihm seine Veränderung durchleben, bisher unterdrückte Gefühle entdecken und die unterschiedlichsten Emotionen teilen, Emotionen von denen man auch beim Lesen dieses Romans wieder einmal deutlich mehr als nur vier erfahren darf.

„Die Scherben seiner Seele“ ist ein sehr feingezeichneter Roman. Man muss ihn mit Bedacht lesen, um wirklich alles – auch die kleinsten, fast zerbrechlichen Feinheiten – was er einem übermitteln möchte, erfassen zu können.
Wer als Leser gewillt ist, sich, in einer außergewöhnlich detailreichen Beschreibung, nicht nur tragisch schönen Momenten hinzugeben, sondern auch den kalten Fängen einer imaginären Unterwelt auszuliefern, der darf sich diesen Lesegenuss keinesfalls entgehen lassen.
Reeves gewährt dem Leser mit seinen Romanen einen Einblick in eine andere, nicht ganz so heile Welt, durch den man die darin lebenden, ungewöhnlich starken, „hellen“ Charaktere auf über 1100 Seiten begleiten und nach und nach kennen und verstehen lernen darf. Ein (Kennen-) Lernprozess, der nicht immer leicht ist, der einen während des Lesens fordert, und der einen nachhaltig berührt.

Betrachtet man diese Dilogie rückblickend, muss man feststellen, dass sich während des Lesens eine tiefe Verbundenheit zu ihr aufgebaut hat, die einen das Gelesene nicht vergessen lässt.

Very well done, Mr Reeves!
Danke.«

© Chrisschwärmt(aus) auf Amazon am 28. Januar 2021

Photo: DGone | Covergestaltung: Jayden V. Reeves

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